Perspective: Tha Beast im XXL Interview

Zwischen Bühne und Struktur:  Tha Beast über Haltung, Loyalität und das Wachsen mit Verantwortung.

 

Anfang und Entscheidung

Erinnerst du dich an den Moment 2019, in dem du entschieden hast, Kevin Q zu kontaktieren. Was hat dich damals wirklich angetrieben?
Ja, daran erinnere ich mich sehr genau. Es muss um den 20. November 2019 gewesen sein. Das Treffen selbst fand am 29. im Stattkrug in Baumholder statt, rückblickend ein eher ungewöhnlicher Ort für so ein Gespräch. Zu dieser Zeit war ich noch Teil von Logicsoundz, doch innerlich war mir längst klar, dass dort keine Zukunft für mich lag. Ich hatte den Entschluss gefasst, meinen eigenen Weg zu gehen, wusste aber, dass mir grundlegende Informationen fehlten. Wie vermarktet man Musik. Wie funktioniert Vertrieb. Wie entwickelt man sich als Künstler weiter. Der einzige, der mir dazu einfiel, war Kevin Q. Selbst da war ich mir nicht sicher, ob er sich überhaupt auf ein Treffen einlassen würde.

Du warst Teil von Logicsoundz, aber innerlich offenbar nicht mehr am richtigen Ort. Woran hast du gemerkt, dass sich etwas ändern muss?
In dieser Zeit lief einiges schief, womit ich mich nicht identifizieren konnte. Vermissen tue ich diese Phase nicht, auch wenn sie ihren Teil dazu beigetragen hat, dass ich heute dort stehe, wo ich bin. Deshalb gibt es auch kein böses Blut. Der Moment, an dem mir klar wurde, dass sich etwas ändern muss, lässt sich schwer auf einen Punkt festlegen. Es waren mehrere Ereignisse. Im Nachhinein würde ich sagen, es war eine Fügung. Nichts passiert ohne Grund.

Das erste Treffen fand in einer Phase statt, in der auch Vegas Media Enterprises vor einem Umbruch stand. Hattest du das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?
Tatsächlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass Vegas Media vor einem Umbruch stand. Das Treffen hatte keinen festen Plan, keinen klaren Ablauf. Doch im Laufe des Gesprächs wurde schnell deutlich, dass wir unabhängig von unseren damaligen Positionen eine gemeinsame Vision teilten. Kevin als Geschäftsführer und Rapper, ich als Artist mit Street Background. Am Anfang war es definitiv ein Sprung ins Ungewisse. Wir kannten uns ja kaum. Aber am Ende des Treffens würde ich sagen, es war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.


Gründung und Aufbau

Was war dir in der frühen Phase wichtiger, Vision oder Struktur?
Um ehrlich zu sein, die Monate vergingen schneller, als man es heute vielleicht vermutet. Schon beim ersten Treffen entstand die Vision, eine Plattform von Artists für Artists zu schaffen. Es war nie geplant, einfach ein klassisches Label zu gründen. Ich sehe Kevin und mich heute noch im alten Studio in der Küche vor der Tafel stehen, wie wir über Namen diskutiert haben, über Strukturen, über Teamaufbau. Klar war nur eines: Es sollte ein Zuhause werden. Ein Ort mit familiärem Umgang. Für mich gehören Vision und Struktur zusammen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Wie würdest du deine Rolle in den Anfangsjahren beschreiben?
Am liebsten würde ich sagen, fragt das Team. Wenn ich es selbst beantworten muss, dann war ich wohl ein Teil von allem. Jemand, der versucht hat, auf alle und alles zu achten. Die Zusammenarbeit mit Kevin war in dieser Zeit extrem eng. Man konnte sich blind aufeinander verlassen. Jeder hatte seine klaren Aufgabenbereiche. Für mich war das auch eine Phase, in der ich enorm viel über das Musikgeschäft gelernt habe.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass das hier langfristig ist?
Ja, und zwar bei einer Anfrage für eine Support-Show in Wiesbaden. Geplant war, dass Kevin die Show eröffnet und ein kurzes Set spielt. Ich war als Unterstützung dabei. Das war im Dezember, also nur etwa einen Monat nach unserem ersten Treffen. Kurz vor der Show bot ich Kevin an, ihn anzusagen, da es gleichzeitig sein Releasetag war. Stattdessen erlaubte ich mir während der Ansage ein paar verbale Spitzen gegen den Main Act. Ich hätte nie gedacht, dass Kevin das aufgreift und in seine Performance integriert. In diesem Moment war mir klar, dass hier etwas Besonderes entsteht.


Rolle im Hintergrund und Loyalität

Warum war dir die Rolle im Hintergrund lange wichtig?
Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wurde. Rückblickend muss ich sagen, dass ich damals noch nicht auf dem Level war, auf dem ich heute bin. Gleichzeitig hat die Chemie zwischen Kevin und mir auf der Bühne einfach gepasst. Ich konnte an mir arbeiten und ihn gleichzeitig unterstützen. Wer unsere Shows erlebt hat, weiß, was ich meine. Dirigieren, animieren, Vibe, Flow und Lyrics als Einheit. Wichtig ist mir aber zu sagen, dass Kevin mich nie als Back-up behandelt hat. Er hat mich immer als gleichwertigen Partner gesehen.

Was bedeutet Loyalität für dich persönlich?
Ego ist eines der größten Probleme in dieser Branche. Zu viel Ego zerstört Erfolg, Freundschaften und Geschäftsbeziehungen. Für mich war früh klar, dass ich an mir arbeiten muss. Schließlich hatte ich eine führende Rolle im Label. Loyalität ist für mich ein ernstzunehmendes Prinzip. Heute wird das Wort oft benutzt, ohne die Werte dahinter zu leben. Am Ende zählen Taten mehr als Worte.

Gab es Phasen, in denen du selbst mehr Raum gebraucht hättest?
Die gab es, vor allem in der Anfangszeit. Kevin und ich waren ständig unterwegs. Ich hatte gefühlt einen halben Kleiderschrank in seinem Auto. Natürlich bleibt dabei vieles im Privatleben auf der Strecke, gerade im familiären Bereich. Einen Teil davon habe ich im Song „My Life“ verarbeitet. Musik war für mich immer auch ein Ventil.


Der Schritt nach vorne

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für deine eigene Musik?
Anfangs war ich mit mir selbst nicht im Reinen. Ich hatte meinen eigenen Sound verloren. Auf unseren Rechnern liegen viele unfertige Aufnahmen, die nie erscheinen werden. Ich war gefangen zwischen Realität und einem verlorenen Weg, alte Lasten habe ich ständig mit mir getragen. Irgendwann habe ich bewusst einen Schritt zurück gemacht, auch zum Wohl des Labels. Um meinen Sound wiederzufinden, musste ich zurück zu den Wurzeln. Keine großen Studios, kein Leistungsdruck. Nur Booth, PC, Mikrofon und ein roher Sound. Daraus entstand „Atlas“ mit LyrikA. Das war der Moment, in dem ich meine Stimme wiedergefunden habe.

Hat sich dein Blick auf deine eigene Kunst verändert?
Natürlich. Man setzt sich automatisch intensiver mit der Materie auseinander. Ich versuche, mit jedem Song zu wachsen. Streamingzahlen sind für mich zweitrangig. Mir ist wichtiger, dass sich Menschen Zeit nehmen, wenn sie meine Musik hören. Dass sie sich mit den Inhalten identifizieren können. Für mich ist Tha Beast keine Kunstfigur. Tha Beast ist Brandon Wnoroski und umgekehrt. Genau das spiegelt sich auch in meinen Texten wider.

Fällt es dir heute leichter oder schwerer, sichtbar zu sein?
Beides. Man gewöhnt sich schnell an Präsenz, aber Social Media empfinde ich inzwischen oft als anstrengend. Deshalb gönne ich mir gegen Jahresende bewusst einen Social Detox. Was sich aber nie verändert hat, ist dieses Gefühl vor jeder Show. Die Sekunden, bevor der Beat droppt. Wenn die ersten Worte fallen und man nur noch für den Moment lebt.


Künstler und Unternehmer

Wie beeinflussen sich diese beiden Rollen gegenseitig?
Als Musiker kann ich Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, weil ich die Strukturen kenne. Umgekehrt bin ich selbstkritischer geworden und achte stärker auf Entwicklungen, nicht nur bei mir, sondern auch bei unseren Artists. Geduld ist dabei etwas, das ich gelernt habe.

Gibt es Dinge, die du heute anders machst?
Egal, wohin mein Weg mich führt, ich bleibe, wer ich bin. Ich möchte frei über meine Kunst verfügen und sie entfalten können.

Wo ziehst du die Grenze zwischen Freiheit und Verantwortung?
Als Unternehmer muss ich erwarten können, dass ein Künstler ein gewisses Maß an Anstand und Professionalität mitbringt. Auch wenn bei uns die Grundregel gilt, dass Künstler sich nicht mit dem Drumherum beschäftigen müssen. Planung, Shows, Releases. Dennoch sollte Professionalität nie verloren gehen. Als Künstler sollte man nur Dinge äußern, die man auch selbst vertreten kann. Kunst liegt im Auge des Betrachters, aber Verantwortung bleibt Verantwortung.


Blick nach vorn

Was hat dich in den letzten Jahren am meisten verändert?
Es ist schwer, das auf einen Punkt zu bringen. Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen. Hätte man mich 2019 gefragt, ob ich jemals auf derselben Bühne stehen würde wie Azad oder Kollegah, ich hätte keine Antwort gehabt. Heute haben wir uns einen Platz in der deutschen Raplandschaft erarbeitet. Die jahrelange Zusammenarbeit mit Kevin und dem Team hat mich geprägt. Ebenso der Bezug zu meinen Kindern. Zudem hat es mich in meiner Persönlichkeit geformt, Teil des Ruff Ryder Lifestyle zu werden.

Was hast du durch Kevin Q gelernt?
Zeit ist das Kostbarste, was wir haben. Fachlich habe ich gelernt, klar und sachlich zu kommunizieren, visuell wie geschäftlich. Am Ende zählen Ergebnisse. Ob positiv oder negativ. Entscheidend ist, was man daraus lernt.

Welche Rolle möchtest du künftig einnehmen?
All Elite Music ist Team und Familie. Omnia Motion Group ist ein Geschäft. Für mich ist entscheidend, dass das Rad sich weiterdreht. Kevin Q, Aronmaxin und ich tragen diese Verantwortung gemeinsam. Ich nehme die Rolle ein, die in der jeweiligen Situation nötig ist.


Abschluss

Was bedeutet Erfolg für dich heute?
Früher dachte man, Erfolg misst sich an Größe oder Bekanntheit. Heute sehe ich das anders. Ich möchte etwas Bleibendes hinterlassen. Einen positiven Eindruck. Sei es durch Musik, durch Künstler, die wir geprägt haben, durch Fans, die Kraft aus einem kurzen Moment ziehen, oder durch etwas, das der Gesellschaft zurückgegeben wird.

Welchen Rat würdest du jungen Künstlern geben?
Das lässt sich nicht verallgemeinern. Musik kann dir alles geben, aber auch alles nehmen. Werde dir klar darüber, was du willst. Entscheide selbst. Wachse an deinen Fehlern. Geh Risiken ein. Niemand von uns wusste, wohin die Reise führt. Aber kopiere nichts, nur weil es gerade funktioniert. Kreiere deinen eigenen Sound. Erschaffe dich selbst. Niemand kann dir sagen, wer du bist, wenn du es selbst nicht weißt.